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Erfahrungen mit einem Land Rover von 1951: Totaler Minimalismus

2016-06-03 07:22:38
Land Rover Defender, Baujahr 1951.
Foto:
Car-Editors.Net
Quelle:
Auto-Medienportal.Net
  • von
  • Thomas Lang
ampnet - 01.06.2016: Nach 68 Jahren feierte Land Rover eine große Abschiedsparty für den Land Rover, dessen Name zu einer Marke wurde, die für unerreichte Qualitäten im Gelände steht. Die schlichte Fahrkiste von damals wurde zur Keimzelle für ein breites Angebot, das vom zum Defender weiterentwickelten Ur-Landy bis hoch zu Edel-Range Rover mit Sportwagenmotoren reicht. Den Nimbus begründete aber der Land Rover von 1947, erst später umbenannt in Defender. Wir fuhren einen Land Rover von 1951.
Ein Auto des Baujahrs 1951 ist das älteste, das die persönliche Autobiografie als Fahrer verzeichnet. Der dunkelgrüne Geländewagen zwingt seinen Fahrer zu jedem Aspekt alles zu vergessen, was beim Autofahren in den vergangenen Jahrzehnten in Fleisch und Blut übergegangen ist. Mit 3,57 Meter Länge ist das Auto kürzer als die meisten zeitgenössischen Kleinwagen. Lassen wir einmal den Smart Fortwo außen vor. Der ist ja auch nur für Zwei Personen gedacht.

Zum Öffnen der beiden Türen muss sich die Rechte durch eine Öffnung unterhalb der Plastikseitenscheibe fädeln, die mit einer Abdeckung aus stabilem Segeltuch das Eindringen von Nässe höflich aber nicht wirklich zwingend verhindert. Der textile Werkstoff teilt sich mit Aluminiumblechen die Aufgabe, eine Karosserie zu bilden. Als das Modell 1948 auf dem Markt kam, war das Verdeck nur optional erhältlich. Ebenfalls zwei dünne, mit Kunstleder bezogene Polster, die Lehne und Sitzfläche des Beifahrersitzes bilden. Der selbstverständlich nicht verstellbare Fahrersitz vertraut auf das identische übersichtliche Gebinde beider Komponenten.

Wenn der Fahrer nicht gerade ein Hobbit ist, erlebt er die Sitzposition so bequem wie lange Unterwäsche aus Holzwolle. Es gibt einen Zündschlüssel, einen Ganghebel, zwei weitere zum Zuschalten von Untersetzungsgetriebe und Allradantrieb, eine Tankanzeige, einen Lichtschalter. Das große Lenkrad verfügt über einen Kranz aus schwarzem Kunststoff, das den Durchmesser eines Trinkhalms aufweist.

Während die allerersten Modelle des Land Rovers ein Vierzylinder aus Gusseisen mit untenliegender Nockenwelle, 1,6 Liter Hubraum, und 50 PS antrieb, wuchs der Hubraum 1951 auf zwei Liter und die Leistung auf 52 PS. Um zum Leben zu erwachen, verlangt der Motor nach einem beherzten Zug am Joke. Bereits nach einer kurzen Drehung des Zündschlüssels springt er an. Zaghaft und hustend entlässt er erst einmal eine Wolke unverdauter Kohlenwasserstoffverbindungen aus dem fingerdünnen Auspuffrohr, die jedes Umweltministerium spontan in Schnappatmung versetzen kann. Nach einer schicklichen Warmlaufphase darf der Joke wieder gedrückt werden. Dann brummt das archaische Maschinchen erstaunlich ruhig und reagiert artig auf die Gasbefehle.

Als die Entwicklung des Fahrzeugs 1947 begann, lastete eine große Verantwortung auf dem Projekt. Der Zweite Weltkrieg hatte Großbritannien ökonomisch vollkommen erschöpft. Für den Autohersteller bestand die Aufgabe darin, ein Produkt zu entwickeln, das nach dem Zusammenbruch der Waffenproduktion nachhaltig für Umsätze sorgen und neue Arbeitsplätze schaffen sollte. Als Zielgruppe des puristischen Mobils hatte der Hersteller Landwirte im Visier. Dafür sollte der Land Rover auch mit Pflug am Heck oder Mähbalken auf Wiese und Feld arbeiten können und genügend Laderaum bieten, damit der Bauer seine Erzeugnisse auch transportieren konnte. Der Purismus der Konstruktion war nicht zuletzt der Haltbarkeit und geringem Wartungs- und Reparaturaufwand geschuldet.

Diesen Geist des totalen Minimalismus strahlt der 65 Jahre „Landy“ mit jeder Niete und Ritze unverändert aus. Servolenkung? – Was ist das?, Heizung? – Was ist das? Die Klimatisierung des Innenraums ist in drei Stufen möglich. Stufe 1: Seitenscheibe beiseite schieben. Stufe 2: Obere Hälfte der Türe mit Seitenscheibe durch Lösen der beiden Haltebolzen komplett entfernen. Stufe 3: Zelt, pardon, Verdeck abbauen. Ach ja, wem das immer noch nicht reicht, darf die Frontscheibe nach vorne auf die Motorhaube klappen.
Die fehlende Synchronisation der beiden ersten Gangstufen, fordert den Ungebübten, der mehr als einmal beim Gangwechsel die Verantwortung für laute Klageweisen der Mechanik übernehmen muss. Die Lenkung ist zwar extrem direkt übersetzt, verfügt ab gleichzeitig über so viel Spiel, dass das Fahrzeug Lenkbewegungen eher als unverbindliche Anregungen für einen Richtungswechsel interpretiert.

Es gibt keinen Wert für den Sprint aus dem Stand auf Tempo 100, denn die Höchstgeschwindigkeit ist bei 90 km/h erreicht. Im Gelände zeigt der Oldie freilich noch immer Fähigkeiten, die den meisten aktuellen SUV die Schamesröte ins Gesicht treiben kann.

Nach der Ausfahrt bleibt genug Zeit im Fotoalbum des Land Rovers zu blättern. Winston Churchill fuhr einen. Ebenso wie Daniel Craig, alias James Bond einen Defender, wie der Land Rover seit 1990 offiziell heißt. Die Fotos zeigen Elisabeth II. in einer Sonderanfertigung für Repräsentationszwecke, wie sie ihren Untertanen im Commonwealth zulächelt. Aber auch mit Kopftuch und entschlossenem Blick am Steuer eines Defenders. Als junge Frau erhielt die Königin im Krieg eine Ausbildung als Fahrerin und Mechanikerin für Lastwagen. Somit erscheint sie am Volant des Landys so authentisch wie glaubwürdig.

Das Fazit dieses ungewöhnlichen Tests führt nicht zum klassischen Resümee wie bei einem zeitgenössischen Auto. Es gerät zur philosophischen Betrachtung. Die auf das absolut Wesentliche reduzierte Form eines Automobils ermahnt zur Demut und Bescheidenheit. Nach einer langen Wanderung oder andauernden körperlichen Anstrengung schmeckt ein frisches Bauernbrot mit Butter, Salz und etwas Schnittlauch schließlich mindestens so gut wie raffiniertes Sternemenü. Kein Auto könnte die Binsenweisheit „Lieber schlecht (einfach) gefahren, als gut gelaufen“ besser illustrieren, als der alte Landy.

Der einfache Aufbau von Chassis und Technik qualifizieren frühe Landys als Objekte der Begierde für Oldtimerfans. Der Hersteller hat nach dem Produktionsende des Defenders die Initiative „Reborn“ ins Leben gerufen. Das Unternehmen kauft auf der ganzen Welt Fahrzeuge der ersten Serie auf, vorausgesetzt, der Rahmen und die Spritzwand sind noch intakt. Auf der ehemaligen Produktionsstraße des Defenders schaffen Spezialisten eine Mischung aus Restauration und kompletten Neuaufbau, die Land Rover offiziell für Preise zwischen 75 000 und 100 000 Euro verkauft. Für Kenner ein Schnäppchen. 30 neue Serie-1-Landys haben bereits einen Liebhaber gefunden. Unter Sammlern ist das Modell fast so gesucht wie eine „Blaue Mauritius“ unter Philatelisten.

Nach der persönlichen Begegnung ist diese Begeisterung nachvollziehbar. Der Land Rover/Defender hat endgültig den Weg zur Unsterblichkeit eingeschlagen. (ampnet/tl)

Daten Land Rover Serie 1

Länge, Breite, Höhe (m): 3,57, 1,59, 1,95
Radstand (m): 2,02
Motor: R4, 1997 ccm
Leistung: 38 kW / 52 PS bei 4000 U/min
Max. Drehmoment: 137 Nm bei 1500 U/min
Kraftübertragung: Vier-Gang-Schaltgetriebe, 1., 2. Gang unsynchronisiert, Untersetzungsgetriebe, zuschaltbarer Allradantrieb
Beschleunigung 0 auf 100 km/h (s): -
Höchstgeschwindigkeit (km/h): 90
Durchschnittsverbrauch auf 100 km (l): ca. 12,5
CO2-Emissionen: -
Effizienzklasse: -
Gepäckraumvolumen (l): k. a.
Leergewicht (kg): 1224
Zuladung (kg): 453
Tankvolumen (Imperial Gallon/l): 10/45
Preis: 1951: ab 500 Pfund, rund 5000 D-Mark