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Designer-Gipfel in Martorell: Vier Köpfe – drei Dekaden – ein Auto

2016-05-27 09:57:22
Designer-Gipfel in Martortell: Alejandro Mesonero, Luc Donkerwolke, Jürgen Stackmann, Walter de Silva (von links).
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  • Tim Westermann
ampnet - 13.08.2014: Man nehme vier kreative Köpfe, drei Dekaden automobilen Designs und einen Ort mit besonderen Lichtverhältnissen vor den Toren Barcelonas. Anschließend kombiniere man das mit einer internationalen Journalisten-Abordnung und es kommt ein gelungener Abend, garniert mit fachkompetenter Diskussion gemäß dem Motto „vier Redakteure, fünf Meinungen“, heraus, ohne dass dabei „viele Köche den Brei verderben“. Seat brachte jetzt vier Designer, die für die nun 30 Jahre alte Ibiza-Baureihe verantwortlich zeichneten, zusammen. Giorgetto Giugiaro, der „Maestro“ von Italdesign, Volkswagens Konzerndesignchef Walter de Silva, Bentley-Designchef Luc Donkerwolke und Seats aktueller Kreativ-Kopf Alejandro Mesonero gaben sich im Seat-Designcenter in Martorell die Ehre.
Ein laues Sommerlüftchen weht durch den viereckigen Hof, während die „Meister“ der klaren und geschwungenen Linien auf dem Podium Platz nehmen. „Hier ist das Zentrum der Zentren. Bereits 1975 wurde das Design-Center von Seat gegründet. Es ist die Geburtsstätte von Seat-Design. Der Neubau im oberen Teil des Werksgeländes in Martorell kam später hinzu“, sagt Seats Vorstands-Chef Jürgen Stackmann in den Abend ein.

„Ich habe damals die dritte Generation des Ibiza entworfen. Das war eine große Verantwortung“, eröffnet Walter de Silva das Fachgespräch. Viel habe sich verändert beim kleinen Seat. „Stets im neuen Kleid ist er ein Fahrzeug, das sich immer den jugendlichen Geist bewahrt hat“, meint de Silva. Der Ibiza war das erste Auto, das der Italiener eigenverantwortlich für den Volkswagen-Konzern entworfen hat. Und dann verrät er mit einem Schmunzeln, dass er als junger Designer bereits an der ersten Generation des Ibiza mitgearbeitet hat. Damals wurden allerdings die Vorschläge des „Meisters“ ausgewählt. Eine bessere Überleitung zum berühmten Giorgetto Giugiaro konnte er nicht finden.

Giugiaro – dieser Name ist wie kaum ein anderer mit der jüngeren Geschichte von Volkswagen verbunden. Er war es, der den Golf der ersten Generation und den ersten Scirocco zeichnete, jene Modelle, die die Marke aus Wolfsburg in den 1970er-Jahren aus der Krise führten. Bei Seat „ging es beim ersten Ibiza seinerzeit um Kosteneinhaltung. Wir mussten versuchen, eine essentielle, einfache Architektur einzuhalten. Man verliebt sich in eine Idee und verfolgt sie schrittweise“, erzählt Giugiaro. Schon damals spielte der Aspekt der heute so stringent verfolgten „Simplicita“, der „einfachen Design-Linien“, eine große Rolle. Walter de Silva hat dieses Konzept bei seinen VW-Modellen konsequent weiterentwickelt. „Design ist wie eine Harmonie, ein ästhetischer Genuss“, philosophiert Giorgetto Giugiaro und verweist dabei auf die zweite Generation des Ibiza mit einer gestreckteren, weicher wirkenden Ausgestaltung der Karosserie. Wie jedes Auto, habe auch jeder Ibiza „seine eigene Persönlichkeit. Es ist mir eine Freude, heute einem Produkt die Glückwünsche zum 30. Geburtstag auszusprechen“, so Giugiaro weiter.

Nachdem Walter de Silva seinen Posten bei Seat Ende der 1990er-Jahre verlassen hatte, „ging es aktuell um eine neue, starke Identität. Das Auto brauchte mehr Persönlichkeit. Die große Stärke des Teams damals war immer eine sehr gute Zusammenarbeit. Als ich zu Audi wechselte, hatte ich eine starke DNA hinterlassen. Luc Donkerwolke hat das gut fortgeführt“, lobt de Silva seinen Nachfolger bei Seat.

Der Niederländer Donkerwolke entwarf die vierte Generation des kleinen Spaniers. „Es war eine große Herausforderung. Ich hatte zuvor bei Lamborghini sehr kantige, flache Fahrzeuge entworfen. Bei Seat musste ich umdenken und neu anfangen“, sagt er und weiter: „Ich musste eine jugendliche Linie finden. Dabei haben mir die Comic-Zeichnungen von Michelle Vaillant sehr geholfen. Es war sein Zeichner, der mich schon in meiner Jugend begeisterte. Letztlich haben mich seine Autos dazu gebracht, meine Berufswünsche im Design zu verwirklichen.“

Bei Seat hat Donkerwolke eine große Last auf seinen Schultern verspürt, als er de Silva auf dem Chef-Posten folgte. „Es ist nicht einfach, der Nachfolger von Walter zu sein“, äußert sich Donkerwolke respektvoll. Für ihn war aber klar: „Der Ibiza brauchte eine eigene Seele. Ich habe mit dynamischen, dreidimensionalen Linien gearbeitet. Die Übergabe an Alejandro Mesonero war danach ein schwerer Schritt, denn eigentlich wollte ich nicht weg. Wie zuvor schon Walter und ich, haben wir zusammengearbeitet. Dadurch habe ich für Alejandro eine Ausgangsbasis geschaffen.“

Mesonero indes hat, „versucht, das Design von Luc nicht zu zerstören. Zum Glück hatte ich das gleiche Team. Das Facelift war, glaube ich, eine schöne Ergänzung. Die Maße habe ich weitestgehend beibehalten. Für mich war wichtig, dass der neue Ibiza wesentlich autonomer gegenüber dem neuen Leon wird“, sagt der aktuelle Designchef von Seat. Der starke Charakter muss für ihn beibehalten werden. „Der Geist des dynamischen Designs wird sich nicht ändern. Den neuen wird man sofort als Ibiza erkennen“, ist Mesonero überzeugt. Und wann kommt die fünfte Generation des Kleinwagens? Alejandro Mesonero bleibt geheimnisvoll: „Der aktuelle Ibiza hat noch ein Leben vor sich. Es verlangt viel Arbeit, ein neues Auto herzustellen.“

Was nach diesem außergewöhnlichen Abend neben Fragen zur Design-Historie des Ibiza hängen bleibt, ist eine seltene Erkenntnis: Entgegen ihrer Natur gaben die Designer Fakten aus ihrer Vergangenheit preis. Jürgen Stackmann griff das auf und schloss den Abend mit dem Statement: „Alejandro Mesonero kann seine Arbeit auf die gute Basis der Vergangenheit stellen.“ (ampnet/tw)